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Projekt zur Freilegung von Pleiße- und Elstermühlgraben in Leipzig


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DEM WASSER VERBUNDEN Bootsverleih, Bootsbau und Bootsshop Herold

Der Bootsbauer und Bootsverleiher Julius Hermann Seifert gründete das Unternehmen 1888, in einer Zeit, in der die Stadt und damit auch ihr weitverzweigtes Gewässernetz bereits erheblichen strukturellen Veränderungen unterworfen war. Zwar entwickelte sich das Geschäft wohl auch aufgrund des günstigen Standorts gut, doch waren Nebenverdienste stets willkommen. Da wurden die beliebten sonntäglichen Flussfahrten durch den Ausschank von Fassbier zünftig abgerundet oder saisonbedingt Handel mit Christbäumen betrieben. Ausserdem war es noch möglich, aus der Weißen Elster direkt neben den Bootsstegen Sand zu entnehmen und diesen, ob seiner guten Qualität und ganz ohne schlechtes Gewissen gegenüber Mensch und Tier, als Vogelsand zu verkaufen. Auch ein in Grimma ansässiger Bruder Seiferts war dem Metier verbunden und offenbar ein nicht minder rühriger Geschäftsmann:
Neben einer Gondelstation an der Mulde betrieb er mehrere Imbissbuden, Tennisplätze und eine Eisbahn.

Neuer Abschnitt (5)Neuer Abschnitt (5)

Seiferts Sohn Otto übernahm den mittlerweile angesehenen und florierenden Familienbetrieb 1926. Unter seiner Leitung erfolgte zunächst eine stärkere Orientierung auf den Bau von Paddel- und Ruderbooten. Nach 1933 kam dann in größerem Stil der Bau von Marinekuttern hinzu, das waren kompakte Boote, ausgelegt für zehn Ruderer und einen Steuermann und entwickelt zur seemännischen Grundausbildung junger Matrosen. Die rüstungsbedingte Konjunktur ermöglichte eine nicht unbeträchtliche Geschäftserweiterung, zeitweilig standen bis zu 18 Angestellte in Arbeit. Ein trügerischer Aufschwung, wie sich bald herausstellen sollte.

Beim Großangriff auf Leipzig am 20. Februar 1944 wurden Wohnhaus und Werkstattgebäude zerstört, die Familie überlebte in einem selbstgebauten Unterstand im Bootshaus nur knapp. Die 40 Ruderboote der Ausleihe (die noch bis in die ersten Kriegsjahre hinein aufrechterhalten werden konnte) waren zwar vorsorglich in vermeintliche Sicherheit gebracht worden, fielen jedoch am Auslagerungsort ebenfalls dem Bombardement zum Opfer. Die Familie sah ihre Existenz vernichtet und siedelte zunächst nach Luxemburg über, wo der Vater bis zum Vorrücken der Westfront eine kleine Bootswerft leitete. Doch schon kurz nach dem Krieg kehrten die Seiferts ins zerstörte Leipzig zurück und begannen auf dem alten Grundstück am Elsterufer mit dem Wiederaufbau. Wohnhaus und Werkstatt erstanden unter schwierigen Bedingungen neu, und mit zunehmender Nachfrage kam auch der Bau von Booten langsam wieder in Schwung. Jürgen Herold, ein junger Bootsbauer, der ab 1950 bei Otto Seifert gelernt und durch Heirat mit der Enkeltochter des Chefs 1957 Familienanschluß gefunden hatte, übernahm 1961 die Leitung der Firma. In den 50er und 60erJahren wurden alle großen Bootsausleihstationen in Sachsen wie die Koberbach- und die Kriebsteintalsperre durch Seifert- bzw. Herold-Boote beliefert. Im Auftrag der Städtischen Bäder Leipzig erhielten u. a. auch Elsterstausee und Auensee ihre kleinen Ruderbootflotten. Daneben gab es ein ganzes Spektrum z. T. sehr unterschiedlicher Reparaturaufgaben. Die "Weltfrieden", der legendäre Auensee-Dampfer, für den ja seit kurzem wieder Hoffnung auf Rückkehr besteht, gehörte ebenso dazu wie die riesigen Holzkästen zur Wellenerzeugung im Stadtbad, für deren fachgerechte Instandsetzung nur ein Bootsbauer die nötige technische Erfahrung besaß. Auch die bekannten Marinekutter kamen wieder ins Reparaturprogramm, diesmal im Auftrag der Gesellschaft für Sport und Technik. Die Spezialität blieb aber über die Jahre der Bau von Holzruderbooten verschiedener Größen in sogenannter Klinkerbauweise. Daneben wurden auch Paddelboote, mit Wartburgmotor ausgestattete Motorboote und Segelboote ("O-Jolle"' "H-JoIle" und "Pirat") hergestellt. Eine Besonderheit bildete der 1970 realisierte Innen- und Kajütaufbau der "Wappen von Leipzig", eines seetüchtigen Kielboots in Stahlkonstruktion, im Auftrag der Seesegelgemeinschaft von Aufbau Südwest.

Im Jahre 1972 endete in den Werkstätten an der Antonienstraße die Ära des Holzbootbaus. Plaste hieß auch in diesem Metier fortan das neue Zauberwort und zog eine völlige Umstellung der Produktion nach sich. Im Auftrag des Deutschen Kanusportverbands wurden zunächst selbstentwickelte Einer-Kajaks hergestellt, zwei Jahre später kamen Zweisitzer hinzu. Käufer waren auch hier zumeist Sportvereine. Bereits 1976 erreichten Herold-Boote internationalen Standard, avancierten zum Exportartikel und fanden u. a. in Westdeutschland, Holland, Schweden, Frankreich und der Schweiz devisenträchtige Abnehmer. Das war einerseits wohltuende Anerkennung, aber andererseits unter den damaligen wirtschaftlichen Mißlichkeiten auch die einzige Chance, zermürbende Materialengpässe zu überwinden und gelegentliche Sonderzuteilungen für die Aufrechterhaltung der Produktion zu bekommen.

Der Betrieb, der auch Lehrlinge ausbildete, produzierte in Hochzeiten etwa 300 Boote im Jahr, insgesamt über 4000 Boote. Mit der Wende brachen alte Strukturen weg, neue Möglichkeiten taten sich auf. Der "1. Leipziger Kanuservice", ein kleiner Laden mit Bootszubehör, konnte bereits im August 1990 eröffnet werden. Er erwies sich bei dem fast unerschöpflichen Sortiment schnell als zu eng und wurde 1993 durch einen geräumigen Pavillon abgelöst. In Herolds BOOTS-SHOP ist nun in bunter Fülle alles zu finden, was irgendwie mit Wasser, Sport und Freizeit zu tun hat, von Schlauchbooten und Bootsbeschlägen über Segelbekleidung bis zu Unterwasserfarben‚ Taucheruhren und Wathosen. Auch Kajaks werden auf Kundenwunsch noch produziert.

Neben der 1996 wiederbelebten Bootsausleihe (sie mußte 1963 aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt werden) wird seit Mai 1997 noch ein besonderer Service geboten: Auf seinem neuen Motorboot bringt Jürgen Herold Interessierten die Wasserseite Leipzigs persönlich näher. Die ist zwar nicht gerade an Grachten oder Fleeten zu messen, bietet aber doch manch Sehenswertes. Obwohl entlang dem Karl-Heine-Kanal und der Weißen Elster noch vieles brachliegt, beginnt das Potential unserer Flüsse für Urbanität und Naherholung zunehmend stärker ins städtische Bewußtsein zu rücken.

Angesichts der neueren Entwicklung und obwohl er selbst einige Dutzend Plastboote am Steg liegen hat, kommt Meister Herold von seiner alten Leidenschaft nicht los: Wenn Elster-und Pleißemühlgraben in einigen Jahren wieder geöffnet sind, so meint er, wäre zweifellos ein Befahren mit formschönen Booten in traditioneller Holzbauweise angemessener. Es ist jedenfalls zu hoffen, daß es ihn doch noch mal in den Fingern juckt und er, unterstützt durch seine Frau, die ebenfalls gelernte Bootsbauerin ist, mit einer Art Prototyp beweist, daß er sich noch auf dieses selten gewordene Handwerk versteht.

Quelle: NEUE UFER Nr.5 / 1997 / S. 74 ff



 

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