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Projekt zur Freilegung von Pleiße- und Elstermühlgraben in Leipzig


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DIE GUSTAV-ADOLF-BRÜCKE

von Heinz-Jürgen Böhme

Eine einfache Brücke über den Elstermühlgraben wird an dieser Stelle spätestens seit der Mitte des 16. Jahrhunderts bestanden haben. Zur Erschließung der "Lazarethe" oder "Pestilentz-Häuser", dem späteren Jacobshospital, führte der Hospitalweg von der Angermühle am Ranstädter Steinweg über den Fluß.
Erst mit der schrittweisen Ausdehnung der Vorstadt ab den 1850er Jahren und der Anlage der Gustav-Adolf-Straße, benannt 1863 nach dem Schwedenkönig Gustav II. Adolf (1611-1632), vermutlich auf Anregung des Gustav-Adolf-Vereins, der im Ranstädter Viertel große Unterstützung erfuhr, zeichnete sich die Notwendigkeit einer großzügigeren Flußquerung ab. 1878 wurde anstelle zweier kleinerer Holzbrücken die Gustav-Adolf-Brücke errichtet und damit eine wichtige Verbindung zwischen dem entstehenden Waldstraßenviertel und den nördlichen Stadtteilen hergestellt.
Bereits 1871 hatte das Jacobshospital seinen angestammten Ort verlassen und als Städtisches Krankenhaus St. Jacob einen Neubaukomplex in der Ostvorstadt bezogen. Die Quaistraße, die unmittelbar am Mühlgraben vis-á-vis dem Hospitalgelände angelegt worden war und als Verbindung zwischen Auenstraße und Gustav-Adolf-Straße fungierte, wurde aus diesem Anlaß in Jacobstraße umbenannt.
Durch die Überwölbung des Elstermühlgrabens am Ranstädter Steinweg im Jahr 1878 und den Abbruch des Angermühlgutes im Folgejahr konnte nun die Jacobstraße wie seit langem geplant bis zum Ranstädter Steinweg durchgeführt werden. Damit war der Grundstein für die heute hier bestehende Bebauungsstruktur gelegt.

Mit dem Abriß der alten bis dahin unter anderem noch als Stadtbad, Irrenstation, Ratsfreischule und Krankenhaus (St. Georg) genutzten Hospitalgebäude eröffnete sich 1907 eine neue städtebauliche Möglichkeit. Das Areal zwischen Pleiße- und Elstermühlgraben am Rand des Rosentals wurde als beste Wohnlage eingestuft und für eine villenartige Bebauung zügig parzelliert. Es lag nahe, als Erschließungs- und Verbindungsstraße, den östlichen Abschnitt der Jacobstraße linear anzuschließen. Um Irritationen zu vermeiden wurde der ältere, westliche Abschnitt der Jacobstraße nunmehr der Auenstraße, der heutigen Hinrichsenstraße, zugerechnet.
Diese Trassierung, die eine zusätzliche, spitzwinklige Überquerung des Elstermühlgrabens bedingte, führte dazu, daß sich in der ungewöhnlichen Struktur der neuen, erweiterten Gustav-Adolf-Brücke neben der gründerzeitlichen Straßenachse letztlich auch die alte Hospitalwegachse manifestiert hat. Während die Brücke von 1878 aus Stahlträgern besteht, die mit Ziegeltonnengewölben, sogenannten Preußischen Kappen, ausgespannt sind, entschied man, für den komplizierten trapezähnlichen Grundriß des Neubaus die noch junge Stahlbetonbauweise in Anwendung zu bringen. Der Rat der Stadt beauftragte die Aktiengesellschaft für Beton- und Monierbauten Leipzig mit der Ausführung der Arbeiten.
Da sich für einen Teil der strahlenförmig angeordneten Stahlbetonplatten-
balken ein schräger Anschnitt ergab, mußte als Auflager und als östliche Begrenzung der Brücke zunächst ein großdimensionierter Kastenträger eingebracht werden. Hergestellt wurde der schmiedeeiserne genietete Träger mit fast 26 Meter Länge, 1,6 Meter Höhe, 1,25 Meter Breite und einem Gewicht von über 600 Zentner von der Plagwitzer Firma Grohmann & Frosch in deren Abteilung für Eisenhochbau in Lindenau. Die Variante, ihn am Zielort aus mehreren Segmenten zu montieren, wurde verworfen, so daß als einzige Möglichkeit nur der Transport im Ganzen blieb.
Die renommierte Speditionsfirma H. Hötzsch & Sohn, die mit der Überführung von Lokomotiven und Dampfkesseln Erfahrung hatte, konstruierte eigens dafür ein Spezialfahrzeug, das in einer Aufsehen erregenden Aktion von 14 Pferden quer durch die Stadt rangiert und gezogen wurde.
Nach der Erweiterung des Tragwerks erhielt 1909 der Oberbau der Brücke ein neues, deutlich individuelleres Erscheinungsbild. Die alten gußeisernen Geländerpfeiler wurden durch Postamente aus Kunstgranit ersetzt. Dies geschah wohl vorrangig aus Kostengründen, da man bei den Anweisungen für die Herstellung der Postamente gegenüber der ausführenden Firma besonderen Wert darauf legte, daß die Außenflächen im Aussehen dem glatt bearbeiteten Werkstein aus blaugrauem Granit ähnlich sind.
Durchaus zeittypisch zeigen die schmiedeeisernen Geländer in den ornamental dekorierten Feldern überwiegend barocke Formen. Um die nun an den Außenpunkten bis auf 68 Meter weit auseinandergerückten und schräg zueinander stehenden Geländerachsen in einen deutlicheren Zusammenhang zu bringen, setzte man die dreiteilig gefaßten Namenstafeln prägnant auf die Geländer auf. Den gestalterischen Hauptakzent bildeten jedoch Reihen blank polierter bronzener Zierknöpfe, die kontrastierend zum olivfarbenen Geländeranstrich der neuen Brücke ein edles Aussehen verliehen.
Seit April 2003 verwehren nun Betonblöcke die Überfahrt und signalisieren Gefahr. Zwar sind vor allem Stand- und Verkehrssicherheit des alten Brückenteils beeinträchtigt, doch wird der Zustand des Bauwerks insgesamt als kritisch eingestuft. Prüfungen haben ergeben, daß dem vielgestaltigen Schadensbild mit einer wirtschaftlich vernünftigen Sanierung nicht beizukommen ist. Fugenausspülungen, korrodierte Bewehrung, flächige Betonabplatzungen und damit fortschreitende Schwächung des Querschnitts der Stahlträger sowie die tiefgreifende Schädigung der Ziegeltonnengewölbe erzwingen einen kompletten Neubau.
Planungsziel ist es, nach Erneuerung der Unterkonstruktion das ursprüngliche Erscheinungsbild der Brücke wiederherzustellen. Dazu müssen die historischen Geländer, einschließlich der verlorenen Namenstafeln, nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten detailgenau aufgearbeitet bzw. rekonstruiert werden. Auch der Stahlträger mit dem aufgenieteten Schild des Baujahres 1878 und seine geschwungene Uferanbindung sollen nach Möglichkeit erhalten bleiben.
Ändern wird sich hingegen das Bild des Kreuzungsbereiches. Um der exponierten Lage dieses Brückenplatzes und seiner Funktion als Fixpunkt für Stadtführungen, besser entsprechen zu können, ist neben technischer Verbesserung vor allem gestalterische Aufwertung nötig.
Das kurze Straßenstück zwischen Gustav-Adolf-Straße und Jacobstraße vor der ehemaligen Entbindungsklinik wird verkehrsberuhigt und teilweise begrünt. Die Mitte des Platzes wird mit einer kreisförmigen, mit Granitplatten belegten Fläche markiert. Ein Segment dieses Kreises wird als Brückenausschnitt den Blick hinunter aufs Wasser ermöglichen. Vorgesehen ist auch ein Kunstobjekt, das die städtebaulichen Entwicklungsetappen dieses Gebiets veranschaulichen soll.

Der Baubeginn für die neue Gustav-Adolf-Brücke ist für das erste Quartal 2005 vorgesehen. Als Bauzeit wird ein Jahr veranschlagt. Günstig ist dabei, daß sich durch die demnächst anlaufende Umgestaltung der Gustav-Adolf-Straße ein vernünftiger Anschluß ergibt. Spätestens zur Fußball-WM im Juni 2006 muß dann alles fertig und jegliche Sperrung aufgehoben sein.

(Erstveröffentlicht in WALDSTRASSENVIERTEL Nr. 18, erschienen im Juni 2004, herausgegeben von PRO LEIPZIG e.V. )

Die Übergabe der neuen Gustav-Adolf-Brücke erfolgte im Herbst 2006.

 

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