Förderverein Neue Ufer e.V. Leipzig - Projekt zur Freilegung von Pleiße- und Elstermühlgraben in Leipzig || www.neue-ufer.de

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Projekt zur Freilegung von Pleiße- und Elstermühlgraben in Leipzig


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PARTHE - Vom Gerberwasser zum Stadtkanal

Als Leipzig das Stadtrecht erhielt, war die erste Partheverlegung bereits abgeschlossen. Das nördliche der vier im Stadtbrief genannten Weichbildzeichen, ein Holzkreuz, markierte den Grenzpunkt an der über einem künstlichen Flussbett errichteten Parthenbrücke.

Die Parthe floß im natürlichen Verlauf am Südrand ihrer fast 400 Meter breiten sumpfigen Niederung (heute etwa der Bereich zwischen Uferstraße und Brühl). Nach 1100 erfolgte der Bau der ersten Befestigungsanlagen und die Trockenlegung der Partheniederung. Zur besseren Durchquerung wurde im Zuge der Reichsstraße (Via Imperii) ein Damm aufgeschüttet und der Fluß entlang dieses Dammes nach Norden in den Höhenrücken umgeleitet, der festen Baugrund für eine Brücke bot. Von hier floß die Parthe wieder in die Auensenke und im alten Bett weiter nach Westen, so daß der heutige Elstermühlgraben am Rosental, der als Unterlauf der Angermühle genutzt wurde, als Teil des ursprünglichen Parthelaufs gelten kann. Da mit Lage und Wasserbeschaffenheit gute Bedingungen gegeben waren, besiedelten Gerber den Damm. Ihre beidseits der Straße kammartig angelegten und jeweils am Wasser endenden Höfe ließen das charakteristische, noch bis ins 20. Jahrhundert erhaltene Grundrißbild der Hallischen Vorstadt entstehen. Das für die Bearbeitung der Rinder- und Kälberhäute notwendige Gerbmittel, die Lohe, wurde direkt am Ort, in der Lohmühle, erstmals 1351 als Parthenmühle genannt, mittels Stampfwerken aus Eichen- oder Fichtenrinde gewonnen.

..."ist das Wasser in die Häuser gelauffen, und alles empor getragen" oder im Juni 1668: "Dieser Tage ergoß sich die Barde gewaltig, überschwemmte viel Wiesen, und führete eine ungläubliche Menge Fische und Krebse aufl die Sträucher und Bäume, daß man dieselben hernach häufig, nachdem das Wasser wieder gefallen, herunter schütteln kunte."

Dürrezeiten wirkten nicht minder verheerend. Da die Abwasser- und Fäkalienbeseitigung z.T. über die Flüsse und den durch kleinere Kanäle angeschlossenen Stadtgraben geschah, spitzten sich die ohnehin schlechten hygienischen Verhältnisse weiter zu. Trinkwasser musste gekauft werden, Gerbern und Färbern fehlte das Brauchwasser, die Mühlräder kamen zum Stillstand und man war gezwungen, aufwändig in anderen Orten mahlen zu lassen, was letztlich die Brote schrumpfen und die Preise steigen ließ.

Neben den Witterungsextremen gab es alltägliche Gefahren wie Badeunfälle und Eiseinbrüche zur Genüge. Oft wurden selbst die Kräfte der vergleichsweise langsam fließenden und meist wenig Wasser führenden Parthe unterschätzt, auch waren ihre Ufer gar nicht oder nur notdürftig mit Planken oder Pfählen befestigt.

Bereits im 16. Jahrhundert war Leipzig von einem grünen Kranz aus mehr als zwanzig Gärten umgeben, die sich vom reinen Nutz zum Lustgarten zu entwickeln begannen und ihren reichen amtsbeladenen Besitzern zunehmend auch zur sinnlichen Erbauung dienten. So unterhielt der Vater des späteren sächsischen Kanzlers David Pfeiffer (1530-1602) "ante portem hallensem" einen Garten, in dem schon zur Reformationszeit Theaterstücke zur Aufführung kamen.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts erlangte die Leipziger Gartenkultur durch den Apelschen und den Großbosischen Garten europäischen Ruf. Im Norden, am Eingang der Gerberstraße, ließ sich 1743/44 der Kaufmann und Kunstsammler Johann Christoph Richter (1689-1751) durch Friedrich Seltendorff (um 1700-78) ein zweiflügeliges schlossartiges Gartenhaus als Wohnsitz errichten, das den modernsten Idealen der Zeit entsprach und an dessen künstlerischer Ausstattung auch Adam Friedrich Oeser (1717-99) mitgewirkt hatte. Da Wasser als Seele barocker Gartengestaltung galt, dürfte die Parthe wesentlich zur Wahl des Standortes beigetragen haben. Bei der Komposition der Freianlagen, die noch dem strengen französischen Vorbild folgte, wurde der vorhandene Flussbogen einbezogen, aber durch Verbindungskanäle und einen ovalen Zierteich in der Hauptachse erweitert und künstlich überformt.

Das Grundstück ging 1820 in den Besitz des Rates über. Garten und Parthebogen wurden später schrittweise aufgegeben und überbaut. Von dem 1895 abgebrochenen Garten-haus blieb eine Plafondmalerei erhalten, die seit kurzem im Erdgeschosssalon des Gohliser Schlößchens wieder in stilgerechtem Ambiente präsentiert wird. Ein weiteres Relikt, eines der beiden prächtigen schmiedeeisernen Tore des straßenseitigen Ehrenhofes, befindet sich im Bestand des Museums für Kunsthandwerk Leipzig.

Westlich des Gerberviertels wurde 1770 im Auftrag des Bankiers Eberhard Heinrich Löhr (1725-98) auf einem sechs Hektar großen Areal, dessen nördliche Grenze von der Parthe gebildet wurde, mit der Gestaltung eines Landschaftsgartens begonnen. Der Garten in den auch Strukturen eines zugekauften älteren Gartens eingingen, war nach Entwürfen Johann Carl Friedrich Dauthes (1749-1816) überwiegend im naturnahen englischen Stil gehalten. Neben als Sichtachsen fungierenden Obstbaum- und Lindenalleen bildeten die Orangerie und ein künstlicher Teich mit kreisrunder Insel, die von einem schneckenförmigen Hügel bekrönt war, die Hauptmotive der Anlage. Das Löhrsche Palais, 1777 im Louis-Seize- oder Zopfstil errichtet, war ebenfalls ein Entwurf Dauthes. Durch mehrfachen Umbau wurde es außen wie innen seines ursprünglichen Charakters vollständig entkleidet (jetzt Hotel Fürstenhof am Tröndlinring).

Nach schweren Verwüstungen in der Völkerschlacht kam der Garten durch seinen neuen Besitzer J. G. Keil, der unter anderem Gewächshäuser und eine neue Orangerie errichten ließ, noch einmal zu Pracht und Ausstrahlung. Gleichwohl musste er den Anforderungen der rasch wachsenden Großstadt weichen und wurde gemäß dem Bebauungsplan von 1869 parzelliert und durch ein Raster gründerzeitlicher Wohnquartiere und Straßen ersetzt.

Für den Ausgangspunkt der ersten deutschen Ferneisenbahnstrecke Leipzig-Dresden boten nur die Auen der Parthe und der Ostlichen Rietzschke den nötigen Freiraum und gleichzeitig Anbindung an die Altstadt. Trotz schlechten Baugrundes entstanden innerhalb von zwei Jahrzehnten der Dresdner Bahnhof (1837), der Magdeburger (1840), der Thüringer (1857) und der Berliner Bahnhof (1859). In weit ausholenden Bögen durchschnitten nun Gleisstränge die Gerberwiesen und ließen die Nutzung der Flächen durch das neue Verkehrsmittel unumkehrbar werden. Die vier Kopfbahnhöfe mit all ihren Laderampen, Drehscheiben, Güter- und Wagenschuppen wuchsen so schnell zusammen, dass sich Dimension und Notwendigkeit eines zentralen Bahnhofs für die expandierende Großstadt bereits früh abzeichneten.

An der Parthe stemmten sich kleinere Flussbäder, das Gothische Bad, Händels Bad oder das Eltznersche Bad für Damen, vergebens gegen die immer übermächtiger werdende Umzingelung. Inmitten der Stahl- und Schotterwüste gerieten sie zu Enklaven, deren Erreichbarkeit zunehmend abenteuerlicher wurde. Sinkende Wassergüte und steigender Umgebungslärm taten ein übriges. Bahnwesen und Gründerzeit sind über diese Oasen des einfachen Vergnügens hinweggegangen, nur wenige, immer mehr zu Abstraktionen werdende historische Begriffe überdauerten. Der heute mit "Am Gothischen Bad" benannte Ort mit der kürzlich neuerbauten Parthenbrücke markiert zwar eher die ehemalige Lage von Händels Bad, aber die Korrektur ist müßig, da man von beiden kaum etwas weiß, ja es geradezu exotisch anmutet, sich hier überhaupt Badetreiben vorzustellen.

Der Name Flohrteich verweist auf ein mooriges Auengewässer und ein daraus hervorgegangenes, nur wenige Jahre bestehendes Bad mit Ausflugslokal, das bereits 1906 der heute noch existierenden Lokomotivenhalle (Heizhaus Nord) weichen musste.

Weiter östlich, ebenfalls an der Leipzig-Dresdener Bahnstrecke, befand sich die Schönefelder Bockwindmühle, die den Vorort einst von Wassersnöten unabhängig machen sollte. Langjähriger Besitzer war das stadtbekannte Faktotum Friedrich Wilhelm Stannebein (1816-1894), ein gelernter Bäcker und Windmüller, der sich u.a. mit Wettervorhersage und Fragen der Grundwasserqualität befasste und bereits 1860 den Aufbau eines europaweiten Netzes von Wetterbeobachtungsstationen forderte. Die Mühle bestand als Landmarke noch bis 1910, als man sich schon mit elektrisch erzeugtem Wind die Haare trocknete, am Neumarkt und anderswo in Automatenrestaurants speiste und der entstehende Hauptbahnhof, peu a peu seine Vorgänger schluckend, sich in 300 Meter breiter Front dicht an das Zentrum heranschob. Die Östliche Rietzschke war zu dieser Zeit längst aus dem Stadtbild verschwunden. Ab Sellerhausen durchgehend überbaut, verweisen nur wenige strukturelle Indizien wie die Reudnitzer Markusgasse, bis vor kurzem sinnvoller "An der Rietzschke" genannt, und der Elsapark auf ihre traurige unterirdische Existenz. Der Parthe hatte man die Aue genommen, sie begradigt, eingebaut, an mehreren Stellen ihren Lauf geändert und sie an den Bahnanlagen in ein künstliches Bett gezwängt, bezeichnenderweise geformt und ausgeklinkert nach dem Vorbild städtischer Abwassersammler.

Noch 1934 erfolgte vom Schönefelder Bad bis zur "neuen Stadtgrenze am Ende der Theklaer Flur" eine weitere sogenannte Partheregulierung, eine Begradigung, die die Parthe hier von 6,3 km auf 4,6 km Länge schrumpfen ließ. Ihre alten natürlichen Mäander wurden im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, zeitweise waren über 400 Arbeiter auf der Baustelle, mit Asche und Schutt verfüllt. Auch in der Nordvorstadt kein besseres Bild, seit den 1860er Jahren statt grüner Ufer nur ein bis zur Unkenntlichkeit domestizierter und in steinerne Schluchten gepferchter Fluss. Im November 1938 trieben Nazihorden Juden aus den Häusern der umliegenden Straßen in diese düstere Kulisse unweit der Pfaffendorfer Brücke, um sie auf perfide Art zu erniedrigen. Ein Gedenkstein erinnert an dieses Ereignis.

Wenige Jahre später sanken die meisten Gebäude entlang der Ufer- und der Parthenstraße in Trümmer. Das ehemalige Viertel der Gerber, das seine historische Dichte und einen Großteil seiner Baudenkmale wie die alten langgestreckten Ausspann- und Handwerkerhöfe Goldene Sonne, Goldene Weintraube, Palmbaum oder Schwarzes Roß bewahrt hatte, lag darnieder. Das Wenige, das den Krieg überdauerte, fiel den Planungskriterien und Wertmaßstäben der Folgezeit anheim. Die Gerberstraße wurde zur Durchfahrtsstrecke. Die Lohmühlgasse, die auf einem zugeschütteten Nebenkanal der Parthe angelegt worden war, entfiel durch räumliche Neuordnung ganz.

Mit dem ersten Hochhaus, einem japanischen Import, manifestierte sich seit Ende der 1970er Jahre für das Viertel der totale städtebauliche Wandel. Auch Wasser spielte wieder eine Rolle, allerdings nur in einem Gartenversatzstück am Fuße des 700-Betten-Hotels, ein fernöstliches Idyll als optische Barriere zur Leipziger Realität. Die Parthe, wenige Meter weiter, blieb in isolierter Tieflage, stinkend und mit den untrüglichen Indizien der Einleitung ungeklärter Abwässer als ekligem Treibgut. An den Rändern ein dichter Besatz aus grauwabrigen Fetzen, die, wie die Phenolschaumdecke auf Pleiße- und Elstermühlgraben, jahrzehntelang vom tatsächlichen Verhältnis zu den einstigen Lebensadern der Region Zeugnis ablegten.

Erst nach der Wende wurde es möglich, in Planungsworkshops Wasser und Grün als urbane Oualitäten für die Innere Nordvorstadt zu thematisieren: Von ökologischer Stadterneuerung war da die Rede, von Milderung des Parthekanals, von Erlebnisachsen, begrünten Terrassen, gar von der Anlage einer Parklandschaft entlang der Parthe als grüne Verbindung zwischen Zoo und Hauptbahnhof. Neben Abgehobenheiten gab es gute, durchaus praktikable Ideen, die jedoch allesamt über die Phase farbiger Schaubilder nicht hinauskamen.

Nach Löhrs Carre´ verebbte der Bauboom. Neue Ufer zwischen Berliner Straße und Pfaffendorfer Brücke blieben bis heute Vision. Indes flackern immer wieder ernst zu nehmende Planungen auf, die sogenannte Nordtangente, eine Autostraße zur Entlastung des Promenadenrings, eben hier entlangzulegen. Zunächst kam 1993 die Brachialvariante an die Öffentlichkeit, eine alle vernünftigen Stadtentwicklungskriterien ignorierende, direkt über den Fluß und die Uferstraße aufgeständerte vierspurige Stadtautobahn. Dann wurde die in den Grundzügen noch immer aktuelle Version nachgeschoben, die vorsieht, unweit der Berliner Brücke die Parthe zu queren, die Straße parallel zum Fluß anzulegen, Kurt-Schumacher-Straße und Gerberstraße zu untertunneln und dann die Trasse ab Nordstraße wieder oberirdisch hinüber durch das Rosental zu führen.

Insgesamt ein gleichermaßen fragwürdiges wie aufwendiges Unterfangen mit stark trennender Wirkung und einem erheblichen Stör-und Zerstörungspotenzial. Natürlich auch alles andere als ein Impuls für die notwendige Revitalisierung der Parthe. Ihr Leidensweg scheint sich also, wenn auch mittlerweile deutlich weniger schadstoffbelastet, fortzusetzen. Ein Happy-End ist derzeit jedenfalls nicht absehbar.


Quelle: NEUE UFER Nr. 5, 1997, S. 72 f

 

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