Förderverein Neue Ufer e.V. Leipzig - Projekt zur Freilegung von Pleiße- und Elstermühlgraben in Leipzig || www.neue-ufer.de

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Projekt zur Freilegung von Pleiße- und Elstermühlgraben in Leipzig


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DIE FLUSSVERLEGUNGEN

Die Begradigung, Kanalisierung und Verlegung eines Flusses ist kein Einzelfall, sondern europäische Normalität. In den letzten 150 Jahren vollzog sie sich tausendfach. Was die Pleiße heraushebt, ist die Konsequenz der Veränderung, das Extrem. Die Gründe dafür sind vielfältig. Wie die meisten Flüsse, die in den unteren Mittelgebirgslagen entspringen, hat auch die Pleiße nur eine mäßige Wasserführung. Regelmäßige Überschwemmungen traten vor allem zur Schneeschmelze auf. Auch unvermittelt hereinbrechende Unwetter konnten gefährliche Hochwasserstände auslösen. Dementsprechend sind Hochwasserdämme, Deiche und Abflußgräben seit dem Mittelalter bekannt (Markkleeberg - Ortsteil Oetzsch). Auch Flußverlegungen bzw. Regulierungen gab es frühzeitig und nicht nur im Zusammenhang mit der Anlage von Mühl- oder Floßgräben. So wurde 1678 die Pfarrwiese in Gößnitz durchschnitten, "um der Pleiße ein anderes Bett zuzuweisen". Die Tatsache, daß der Fluß in der Aue pendelte, hat wasserbauliche Maßnahmen einerseits erschwert, andererseits erforderlich gemacht. Dabei beschränkten sich die Anlieger zunächst auf kleinere Flußkorrekturen. Ein übergeordnetes Planungskonzept für größere Abschnitte der Pleiße existierte nicht. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich das. Der sächsische Staat übernahm nun unter bestimmten Voraussetzungen einen Teil der anfallenden Kosten, was es den Kommunen ermöglichte, größere Projekte in Auftrag zu geben. Bereits 1850 hatten der Rat und die Stadtverordneten von Leipzig "eine allgemeine und durchgreifende Berichtigung der Wasserverhältnisse in hiesiger Gegend" beschlossen. Obwohl sich der Prozeß der Planungen hinzog, wurden seit den 60er Jahren des Jahrhunderts umfangreiche Regulierungsmaßnahmen an Elster, Pleiße und Parthe vorgenommen. Im Connewitzer Wald entstand ab 1867 eine dreißig Meter breite Pleißeflutrinne. Durch die Vielzahl der Regulierungsmaßnahmen sollten ein wirksamer Hochwasserschutz, die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse (Trockenlegung der Sümpfe) sowie die Erschließung neuer Flächen für den Gewerbe-, Siedlungs- und Verkehrsbau erreicht werden. Zugunsten der Landnutzung kam es auch im ländlichen Raum zu ersten, ganze Streckenabschnitte erfassenden Flußverlegungen (Lobstädt-Deutzen 1862/63).

Im 20. Jahrhundert bewirkte der Braunkohletagebau im unteren Flußabschnitt eine radikale Neuordnung des Gewässersystems. Seit dem Aufschluß des Großtagebaus in Großzössen (1908) umfaßten die Kohlegruben riesige Areale. Ihre Entwässerung führte zu weiträumigen Absenkungen des Grundwasserspiegels. Im Rahmen der Vorfeldberäumung mußten die Wasserläufe abgefangen und in oft fünfzehn Meter tiefen Einschnitten um das auszukohlende Gebiet herumgeführt werden. Dieser Prozeß verstärkte sich in den 30er Jahren und erreichte in der DDR seinen Höhepunkt. Zwischen Regis-Breitingen und Markkleeberg wurde die Pleiße auf einer Länge von ca. 35 Kilometern nahezu vollständig und teilweise bis zu viermal verlegt und um etwa 10 Kilometer verkürzt. Einzig südöstlich von Böhlen blieb ein etwa 1,5 Kilometer langes Stück der alten Pleißenaue bestehen. Ähnliches gilt für die Wyhra, die Eula, die Gösel und andere Gewässer. In einem älteren Pleißebett fließt die Wyhra heute ihrer ursprünglichen Fließrichtung streckenweise entgegen. Die außerordentlich aufwendigen Arbeiten wurden vielfach von Arbeitsdienstpflichtigen und im Krieg auch von Kriegsgefangenen durchgeführt. In der DDR war das Spezialkombinat Weimar für größere Flußverlegungen verantwortlich. Heute verläuft das neue Bett der Pleiße über weite Abschnitte geradlinig. Meist trapezförmig angelegt und von Gefällestufen unterbrochen ist es Teil einer Infrastruktur, die durch schmale Landkorridore zwischen den ehemaligen Tagebaugiganten geprägt wird.

 

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