Förderverein Neue Ufer e.V. Leipzig - Projekt zur Freilegung von Pleiße- und Elstermühlgraben in Leipzig || www.neue-ufer.de

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Projekt zur Freilegung von Pleiße- und Elstermühlgraben in Leipzig


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DIE INDUSTRIALISIERUNG

Bis ins 19 Jahrhundert hinein bestimmte die Landwirtschaft das Bild beiderseits des Flusses. Die Existenz und der Lebensrhythmus der Dörfer waren ihr vollständig unterworfen. Das Handwerk wiederum konzentrierte sich in den Städten. Während Leipzig und Altenbung durch Größe und Funktion eine Sonderstellung einnahmen, lebten in Crimmitschau und Werdau um 1800 kaum 2.000 bis 3.000 Einwohner. Trotzdem besaß die Textilproduktion (Tuchmacher, Leineweber, Tuchbereiter, Tuchscherer, Färber) hier schon im Mittelalter überregionale Bedeutung. An diese Tradition und Standortbedingungen anknüpfend, entwickelte sich das gesamte obere Pleißetal seit dem frühen 19. Jahrhundert zur lndustrieregion. Dabei kam es zu einer deutlichen Spezialisierung. In Abhängigkeit von der Wassermenge des Flusses errichtete man in Werdau vorrangig Spinnereien und Webereien, in Crimmitschau Tuchmachereien und Färbereien. Begünstigt wurde der schnelle Ausbau der Produktion dadurch, daß die Pleiße in diesem Teilbereich fast geradlinig verläuft und über eine genügend breite Aue zur Anlage den Textilbetriebe verfügte. Schon um 1850 zählte Werdau 22 Wollspinnfabriken. Die Konjunktur nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 beschleunigte die eingeleitete Entwicklung. Aus ersten Anfängen des Manufakturbetriebs und der Verlagsproduktion (Tuchmanufaktur Oehler) war nun eine dicht bebaute lndustrielandschaft entstanden, die fast das gesamte obere Pleißetal erfaßte und bis nach Gößnitz reichte. Begleitet wurde die Industrialisierung von einem rasanten Anstieg der Bevölkerungszahlen und einer - wenn auch unterschiedlich ausgeprägten - Überformung der dörflichen Strukturen. Die Städte verloren ihren mittelalterlichen Charakter. Auf der Talsohle lagen nun neben den Verwaltungseinrichtungen die Fabriken und Wohngebiete der Arbeiter, an den Talhängen die Villenviertel der Fabrikanten (Crimmitschau).

Im unteren Teil des Flußgebiets verlief die Industrialisierung zunächst weniger stürmisch. Die Leipziger Industriegebiete befanden sich im Westen und Osten der Stadt, nicht an der Pleiße. Erst das 20. Jahrhundert hat jenen radikalen Wandel herbeigeführt, den das Gebiet zwischen Altenburg und Leipzig bis heute prägt. Ausgangspunkt dafür war der Braunkohlebergbau. Ursprünglich ein Gewerbezweig neben anderen, wuchs er seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts überdurchschnittlich und entwickelte sich dann gemeinsam mit der Braunkohleverarbeitung zum entscheidenden Industriezweig. Zwischen 1900 und 1910, 1910 und 1920, 1920 und 1945 verdoppelte sich die Produktion der geförderten Kohle. Großtagebaue und Brikettfabriken erforderten die Verlegung der Wasserläufe. Seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden in Böhlen und später in Espenhain gewaltige Komplexe der Karbochemie. Die Verfügbarbeit großer Wassermengen gehörte dabei zu den grundlegenden Produktionsvoraussetzungen. Die genannten Prozesse verursachten einschneidende Veränderungen: Tagebau-Hohlformen, Kippflächen und Siedlungskorridore ersetzten das feingliedrige System der Flußlandschaft. Über Jahrhunderte gewachsene Dörfer, Auen, Felder und Waldgebiete fielen dem Kohleabbau zum Opfer. Bereits Ende der 30er Jahre hatte sich somit auch am Unterlauf der Pleiße eine von Industrie, technischer Infrastruktur und Arbeiterwohngemeinden bestimmte Landschaft herausgebildet. In der Radikalität ihrer Ausprägung übertraf sie jene im oberen Bereich des Flusses bei weitem. Diese Entwicklung wurde durch den zweiten Weltkrieg und die Energiepolitik der DDR noch einmal beschleunigt. Der Tagebau Espenhain (Cospuden) rückte 1980/81 unmittelbar vor die Tore Leipzigs.

 

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