Förderverein Neue Ufer e.V. Leipzig - Projekt zur Freilegung von Pleiße- und Elstermühlgraben in Leipzig || www.neue-ufer.de

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Projekt zur Freilegung von Pleiße- und Elstermühlgraben in Leipzig


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DAS MÜHLENGEWERBE

Noch heute verweisen überall in Deutschland Straßen- und Flurnamen auf das Mühlengewerbe. Auch an der Pleiße ist an solchen Bezeichnungen kein Mangel. Mühlstege oder Mühlgassen, Mühlwiesen oder Mühldämme gibt es selbst dort, wo sonst nichts an die einstigen Standorte erinnert. Während in den Dörfern viele der ehemaligen Mühlengebäude nach wie vor existieren, sind sie aus den altstädtischen Kernbereichen von Leipzig, Crimmitschau und Werdau fast vollständig verschwunden. Dabei gehörten Mühlen über Jahrhunderte zu den markantesten Gebäuden im Siedlungsraum. Das war mehr als bloße Äußerlichkeit. Wie kein zweites Gewerbe hat das Mühlenhandwerk neben seiner überragenden wirtschaftlichen Bedeutung die Entwicklung der Flußlandschaft geprägt. Dort, wo Mühlen entstanden, entstanden auch Mühlgräben und Mühlteiche, wurden Wege und Brücken angelegt, siedelten weitere Gewerke, entwickelte sich unter bestimmten Umständen und lange danach Industrie. Die ältesten Wassermühlen im Flußgebiet müssen sich in unmittelbarer Nähe der deutschen Burgen des 10. und 11. Jahrhunderts befunden haben. So wird angenommen, daß die Leipziger Barfußmühle (1898 abgebrochen) ursprünglich als Burgmühle diente. Im Zuge der großen Siedlungsbewegung des Hochmittelalters wurde dann der gesamte Flußverlauf in dichtem Abstand mit Mühlen besetzt. Als unverzichtbare Bestandteile des feudalen und städtischen Wirtschaftssystems und wichtigste Kraftquelle dienten sie der Versorgung einer sprunghaft gewachsenen Zahl von Einwohnern. Aus dem Leipziger und Altenburger Raum sind Urkunden überliefert, die die Existenz von Mühlen bereits für einen frühen Zeitraum belegen (Leipzig 1160; Bornshain 1181; Kottenitz 1204). In gewisser Weise spiegelt das den Verlauf der Siedlungsentwicklung. Die Mühlen im oberen Flußbereich wurden etwas später erwähnt. Mühlen entstanden innerhalb und außerhalb der Dörfer, vor und (selten) hinter den Stadtmauern (Werdauer Tormühle). Oft lagen sie zu zweit oder zu dritt an einem einzigen Mühlgraben (Connewitz, Lößnig, Dölitz). Allein an der Pleiße existierten um die Mitte des 18. Jahrhunderts etwa 60 Mühlen. Unter Berücksichtigung der Standorte an den Zuflüssen ist diese Zahl zu multiplizieren. Noch in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts - lange nach den einschneidenden Veränderungen durch die Industrialisierung - wurden im Einzugsgebiet des Flusses 134 Wassermühlen erfaßt.

Bis zur Aufhebung des Mahlzwangs und der Einführung der Gewerbefreiheit (in Sachsen 1838 bzw. 1861) blieb das Mühlengewerbe streng reglementiert. Die Mühlen gehörten zunächst den jeweiligen Grundherren. Das konnten Gutsbesitzer oder Klöster (Nonnenmühle, Thomasmühle), aber auch Stadtgemeinden sein. Häufig ließen die Mühlenbesitzer ihre Mühlen durch Pächter betreiben. Entsprechende Pachtverträge sind in größerer Zahl überliefert. Während der Mühlbann den Einzugsbereich einer Mühle schützte, indem er den Bau weiterer Mühlen in dem betreffenden Gebiet untersagte, verpflichtete der Mahlzwang die Bauern, ihr Getreide in einer bestimmten Mühle mahlen zu lassen. Beide Regelungen fanden in Mühlenordnungen ihren Ausdruck. Da nicht jedes Dorf über eine eigene Mühle verfügte, führte der Mühlzwang zur Bildung von Mühlwegen (Meusdorfer Straße in Leipzig).

Die Müller erzielten zum Teil gute Einkünfte. In den vorstädtischen Bezirken Werdaus lag ihr Vermögen 1542 weit über dem der übrigen Bewohner. Mit Einschränkungen galt dies auch für den ländlichen Raum, was in häufigen Taufpatenschaften und hohen Steuerschätzungen seinen Ausdruck fand. Andererseits blieben viele Müller auf Nebenerwerb (Land- oder Fischwirtschaft) angewiesen. Plünderungen und Kriegseinwirkungen, Hochwasserschäden und Dürreperioden, Eisgang und Feuersbrünste waren ihnen - wie allen Zeitgenossen - gegenwärtig. Der nachweisbaren Reputation der Müller stand die Tatsache entgegen, daß der Berufsstand als betrügerisch und streitsüchtig galt. Zahlreiche Prozesse, die die Müller gemeinsam und noch häufiger gegeneinander führten, hatten ihre Ursache in den Produktionsbedingungen der Mühlen. Die Nutzung des Wassers (Vergabe spezieller Wasserrechte) beruhte auf strikter Beachtung der geltenden Bestimmungen. Staute ein Müller zuviel Wasser, verschlechterten sich für den nächsten die Voraussetzungen für den Mühlenbetrieb. Die Werdauer beispielsweise beschwerten sich 1590 darüber, daß die Herren von Steinpleis und Ruppertsgrün das Pleißewasser zurückhielten, wodurch den Müllern der Stadt Schaden zugefügt werde.

Die ersten Mühlen im Flußgebiet den Pleiße waren Getreidemühlen. Später ver- und bearbeiteten die Müller auch andere Produkte. Öl-, Schneide-, Walk-, Papier-, Gewürz-, Polier- -und Tabakmühlen entstanden. Zumeist konnte in ein und derselben Mühle Verschiedenes erzeugt bzw. bearbeitet werden. Nach den Abmessungen der Gebäude, der Ausstattung, der Zahl der Mahlgänge und Wasserräder gab es gravierende Unterschiede. Dorfmühlen verfügten gewöhnlich über zwei, maximal drei Mahlgänge (Zürchau, Löhmingen, Bonnshain). Städtische Mühlen wurden oft zu großen Unternehmen ausgebaut (Werdauer Angermühle). Während die Mühlengebäude und -einrichtungen häufigen Veränderungen unterlagen, blieben die Standorte relativ konstant.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es im Mühlengewerbe zu einem tiefgreifenden Wandel. An einigen Standorten - so in Werdau und Crimmitschau - entwickelten sich Spinnereibetriebe (Spinnmühlen) und andere Fabriken. Industrielle Großmühlen entstanden, die sich deutlich von den traditionellen Mühlen unterschieden (Leipziger Thomasmühle). Ihren wesentlich höheren Energiebedarf deckten sie zunehmend durch Turbinen, eine Entwicklung, die sich nach der Jahrhundertwende allgemein durchsetzte (Dölitz 1869, Connewitz 1888, Große Mühle Gößnitz 1908). Außerdem nutzten die Betreiber jetzt Dampfmaschinen. Für sie wurden teilweise unmittelbar neben den Mühlen neue Anlagen errichtet (Dampfsägewerk Kottenitz). Mit der aufkommenden Elektrifizierung ergaben sich weitere Möglichkeiten. In Gößnitz waren die Mühlenbesitzer der Großen Mühle die ersten im Ort, die über einen Stromanschluß verfügten. Die Dynamik den Verhältnisse führte auch im Mühlengewerbe zu einer immer stärkeren Konzentration der Produktion. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts fielen diesem Prozeß zahlreiche Betriebe zum Opfer. Andere Mühlen wurden zu Zeiten der DDR in Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften integriert und dienten oft stark vernachlässigt der Mischfutterproduktion. Der endgültige Zusammenbruch des jahrhundertealten Gewerbes erfolgte nach 1989. Bis auf wenige Ausnahmen (Gardtschütz, Treben) stellten die Pleißemühlen den Betrieb ein.

 

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