Förderverein Neue Ufer e.V. Leipzig - Projekt zur Freilegung von Pleiße- und Elstermühlgraben in Leipzig || www.neue-ufer.de

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Projekt zur Freilegung von Pleiße- und Elstermühlgraben in Leipzig


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DIE MÜHLGRÄBEN

Mühlgräben gehören zu den frühesten wasserbautechnischen Anlagen der Flußlandschaft. Meist schon im Mittelalter errichtet, sind sie beeindruckende Leistungen. Die Planung ihres Verlaufs, die Berechnung der notwendigen Gefällehöhen und Wassermengen, die Befestigung der Ufer - all das erfolgte mit einfachsten Hilfsmitteln, auf der Grundlage von Erfahrungswerten. In welchem Maße flämische Siedler, die entsprechende Anlagen aus ihren Heimat kannten, hier Erfahrungen eingebracht haben, ist umstritten. Fest steht, daß mit den Mühlen auch Mühlgräben entstanden. Abgesehen von einem kleinen Stück im Quellgebiet der Pleiße wurde den gesamte Fluß von ihnen begleitet. Die Mühlgräben gliederten die Landschaft, schufen inselähnliche Räume und ersetzten im Extremfall den alten Flußverlauf (Leipzig). Den Funktionmechanismus der Mühlwehre und Abwurfgräben war auf bestimmte Wassermengen fixiert. Als sich diese Mengen durch großflächige Klimaveränderungen und menschliche Eingriffe ab dem 15. Jahrhundert erhöhten, häuften sich Überschwemmungen. Die Spezifik des Mühlenbetriebes hat somit an vielen Stellen zur Ausbildung von Naßflächen (Feuchtwiesen, Auwäldern) beigetragen.

Von Zeit zu Zeit mußten die Mühlgräben geräumt und geschlemmt werden. Diese Arbeit war Sache des Müllers oder der (fronabhängigen) Bauern. Der ausgeworfene Schlamm diente der Erhöhung der Uferränder, was in manchen ländlichen Abschnitten nach wie vor gut zu erkennen ist. Im Stadtbereich siedelten an den Mühlgräben jene Gewerke, die besonders viel Wasser benötigten. Noch 1934 erinnerte sich ein alter Werdauer Bürger an den parallel zur Hauptstraße fließenden "Mühlgraben mit den Spülbrettern für das Wollespülen der Tuchmacher" und den hier hängenden Fellen der Lohgerber. Mit dem Beginn der Industrialisierung nutzten auch die sich entwickelnden Textilbetriebe das Mühlgrabenwasser. So schlossen David Friedrich Oehler und der Besitzer der Crimmitschauer Trögermühle um 1818 einen Erbpachtvertrag, der die Wasserversorgung der Oehlerschen Spinnfabrik regelte.

Da die Mühlgräben durch die Industrialisierung und den Niedergang des traditionellen Mühlengewerbes ihre Funktion mehr und mehr einbüßten, wurden sie vielfach trockengelegt oder verrohrt. Zuerst und am deutlichsten zeigte sich das in den unter Platznot leidenden Textilstädten am Oberlauf des Flusses. Teile des Gößnitzer und Werdauer Mühlgrabensystems (an der Reichenbacher Straße) verschwanden 1898 bzw. 1903 unter die Erde. Im Jahre 1912 beschlossen die Abgeordneten von Werdau die Umwandlung des Mühlgrabens der Ober- und Pfortenmühle in eine lndustrieschleuse. Andere Mühlgräben verkamen frühzeitig zu Abflußkloaken. "Wegen des durch die Meeraner Fabrikwässer verpesteten Meerchens wäre es ein Segen für unseren Ort, wenn die Mühle und damit der Mühlgraben in absehbarer Zeit beseitigt würden', heißt es 1910 mit Blick auf die Verhältnisse in Gößnitz. Im Gegensatz dazu versuchten private und kommunale Bauherren in und um Leipzig, die Mühlgräben des Flusses als landschafts- und stadtgestaltendes Element zu nutzen. Die Villenanlagen an der Mühlpleiße und zahlreiche Beispiele einer auf das Wasser bezogenen Stadtarchitektur belegen das. Letztlich jedoch setzte sich auch hier die allgemeine Entwicklung durch. Bedingt durch die extreme Wasserverschmutzung und andere Faktoren wurde der Pleißemühlgraben um 1955 verrohrt.

 

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