Förderverein Neue Ufer e.V. Leipzig - Projekt zur Freilegung von Pleiße- und Elstermühlgraben in Leipzig || www.neue-ufer.de

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Projekt zur Freilegung von Pleiße- und Elstermühlgraben in Leipzig


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DER UMWELTSCHUTZ UND NEUE PERSPEKTIVEN

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führte die Verschmutzung der sächsischen Flüsse zu zahlreichen lnteressenskonflikten. Landwirte, Mühlenbesitzer, Gärtner und Fischer fürchteten um ihre Existenz. Auch die Städte und Gemeinden beobachteten die Entwicklung mit Beunruhigung. Selbst nach der Errichtung der zentralen Kläranlage im Leipziger Rosental gab es zahlreiche Beschwerden über die "infernalisch stinkenden" Schleusenwässer der Großstadt. Immer stärker zeigte sich, daß der traditionelle Umgang mit den Wasserressourcen an Grenzen stieß. In Reaktion auf diese Situation wurde das Thema mehrfach im Sächsischen Landtag beraten, ohne daß es zu greifbaren Ergebnissen gekommen wäre. Vor allem die Industriellen - darunter die Besitzer der Textilbetriebe am Oberlauf der Pleiße - blockierten konkrete Festlegungen. Erst mit dem Erlaß des Sächsischen Wassergesetzes im Jahre 1909 erfolgten verbindliche Regelungen. Die "Einführung von Stoffen, die den Gemeingebrauch beeinträchtigen oder sonst das Gewässer oder die Ufer in schädlicher Weise verunreinigen", wurde untersagt. Längs der Pleiße und ihrer Nebenflüsse bildeten sich Unterhaltungsgenossenschaften der Uferanlieger. Daß auch sie trotz der gesetzlichen Bestimmungen wenig ausrichten konnten, beweist ein Bericht der Amtshauptmannschaft Borna aus dem Jahre 1919. Demnach litten Elster, Pleiße, Schnauder und Wyhra "in höchstem Maße unter der Verschlämmung der sächsischen und außersächsischen Kohlenwerke", wodurch der Mühlenbetrieb "vielfach kaum aufrecht zu erhalten" sei. Die Reinigung der Flußbetten erfordere "Hunderttausende Reichsmark", und die Kohlenwerke seien "nur zur Gewähr unzulänglicher Beihilfen" bereit. Die einschneidende Verschlechterung der Wasserqualität zerstörte nicht nur die Existenz kleinerer Unternehmen, sondern brachte auch die Urheber der Verschmutzung in eine problematische Situation. Deshalb wurde 1934 nach dem Vorbild der Emschergenossenschaft ein Weißelsterverband mit Sitz in Gera gegründet. Er umfaßte das thüringische, sächsische und preußische Einzugsgebiet der Elster und ihrer Nebenflüsse und errichtete 1935 ein engmaschiges Flußüberwachungssystem. Der Verband, der in seiner Zu-ständigkeit weit über die bisherigen Wassergenossenschaften hinausreichte, bewirtschaftete beispielsweise den Pleißestausee Rötha und war für die Kontrolle, Abführung, Reinigung und Verwertung der Abwässer verantwortlich. Er bestand bis 1952 und wurde dann durch den VEB Wasserwirtschaft "Weiße Elster" abgelöst.

Der staatlich regulierte Gewässerschutz blieb insgesamt unzureichend und konnte selten durchgesetzt werden. Auch eine breite Bürgerbewegung gegen den Mißbrauch der Pleiße hat es nie gegeben. Allerdings war das Thema Teil der sich bereits vor dem ersten Weltkrieg ankündigenden Bestrebungen zum Schutz des Auwalds und der Harth. Die Pläne, die Harth, das etwa 760 Hektar große Waldgebiet südlich von Leipzig, dem Braunkohletagebau zu opfern, führten in den 20er Jahren zu stürmischen Protesten der Bevölkerung. Wenige Jahre später war jegliche Kritik an den kriegswichtigen lndustrieanlagen im Einzugsgebiet der Pleiße tabu. Entscheidungen wie die zur Anlage des Röthaer Stausees erfolgten intern und unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Nach dem Krieg und der Gründung der DDR versuchten die Verantwortlichen jahrzehntelang das Problem zu beschönigen, indem sie auf die angeblichen Erfolge und die weiteren Perspektiven im "Kampf um die Erhöhung der Wasserqualität" verwiesen. Gegen die Devastierung ganzer Flußgebiete gab es praktisch keine Möglichkeit des Einspruchs. Im Zuge der Veränderung der gesellschaftlichen Situation initiierten kirchliche Basisgruppen Ende der 80er Jahre im Leipziger Raum eine Reihe größerer Aktionen. Der Pleißegedenkumzug 1988 und der Pleißepilgerweg 1989 bezeichnen Höhepunkte in der Auseinandersetzung mit der Energie- und Umweltpolitik der DDR. Gleichzeitig wurden durch die Veranstalter umfassendere Ziele formuliert: "Heilung des Flusses - Heilung der Gesellschaft - Heilung des Menschen: Das geht alles ineinander, wenn der Gang entlang des alten Pleißenbettes beginnt", heißt es in einer illegalen Broschüre des kirchlichen Arbeitskreises Weltumwelttag.

Noch im Herbst 1989 bildeten sich an mehreren Orten des Flußverlaufs - so in Leipzig und Werdau - Initiativen der Bürgerbewegung, die durch teilweise spektakuläre Aktionen auf den Zustand der Pleiße aufmerksam machten. Im Frühjahr 1990 kam es zur Gründung des Stadt-Kultur-Projekts Leipzig, dessen Mitglieder eine Rückbesinnung auf elementare Qualitäten des Stadtraums forderten und in diesem Zusammenhang die Freilegung der innerstädtischen Mühlgräben vorschlugen. Die von ihnen bereits seit längerem diskutierte Idee wurde nun schrittweise in verschiedene Projekte überführt. Gefördert von staatlichen und kommunalen Stellen begannen umfangreiche Untersuchungen. In ihrer Folge konnte 1992 ein erstes "Sanierungs- und Schutzkonzept für die Flußauen der Leipziger Tieflandsbucht" der Öffentlichkeit übergeben werden. Mittlerweile sind Studien zu Einzelproblemen, wie der Verbesserung der Wasserqualität oder der wassersportlichen Nutzung, erarbeitet worden, die sich in die Planungen zur Territorial- und Stadtentwicklung einordnen. Weit fortgeschritten und teilweise bereits realisiert ist die Öffnung des Leipziger Pleißemühlgrabens. In Grimmitschau sieht der Landschaftsplan vor, die Erlebbarkeit des stark verbauten Flusses im innerstädtischen Bereich wiederherzustellen und an seinen Ufern eine durchgehende Grünverbindung zu schaffen. Bei der Suche nach Leitbildern zur Revitalisierung des Flusses werden Lösungen gefragt sein, die die Pleiße in ihrem Gesamtverlauf im Blick haben. Gerade die Umgestaltung der ehemaligen Bergbaugebiete im Leipziger Südraum und die Flutung der Tagebaurestlöcher machen deutlich, in welchem Maße die Gewässer der Region ein System bilden. Durch die Stilllegung der alten Industriegiganten und die damit einhergehende Verbesserung der Wassergüte ist der Erholungswert des Flusses spürbar gestiegen. Längst existieren Konzepte zur touristischen Nutzung der Flußlandschaft, die teilweise auf die Geschichte der Pleiße Bezug nehmen (Lehrpfad zur Flößerei im Werdauer Wald). Begleitet wird dieser Prozeß von einem tiefgreifenden Strukturwandel, der neue Möglichkeiten für die einst so geschundene Flußlandschaft eröffnet.

 

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