Förderverein Neue Ufer e.V. Leipzig - Projekt zur Freilegung von Pleiße- und Elstermühlgraben in Leipzig || www.neue-ufer.de

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Projekt zur Freilegung von Pleiße- und Elstermühlgraben in Leipzig


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Textausschnitte aus NEUE UFER Heft 6: Pleißegeschichten, S. 48 ff

DIE GEANGELTE HÜTTE
Rosemarie Scheibe

Ich bin Jahrgang 1946 und weiß noch gut, als die Pleiße in der Stadt gegenüber dem Neuen Rathaus entlangfloß, besser gesagt entlangstank. Aber in der Nähe wohnten wir zum Glück nicht. Ich kam nur ab und zu mal da entlang, wenn wir meinen Vater von der Arbeit abholten, denn dort war auch die Haltestelle der Linien 5 und 24. Wir wohnten in Connewitz, nahe dem Connewitzer Holz, und durch diesen Wald floß ja die stinkende, schäumende braune Brühe auch. Sie kam wohl von Böhlen. Es war zu Pfingsten im Jahre 1953 oder 1954. Es war herrliches Wetter. Meine Eltern und ich machten mit unseren Drahteseln eine Fahrt durchs Connewitzer Holz. Die Pleiße führte Hochwasser, jedenfalls kam so allerhand Zeug angeschwommen, das irgendwo unterwegs weggespült wurde. Auf einmal kamen Bretterwände von einer Hütte, mehrere Teile, und sie trieben mit der Strömung ans Ufer. Hier standen wir und beobachteten das Geschehen. Da fiel meinem Vater ein - man war damals sparsam, und es gab ja auch nichts - : Mensch, das Holz müsste man irgendwie herausangeln. Also schnell eine herumliegende Astgabel gesucht und versucht, die Bretter am Ufer festzuhalten, was uns auch gelang. Wir konnten sie auch ganz gut herausziehen aus dem Stinkewasser. Dann fuhr mein Vater schnell nach Hause und kam mit dem Handwagen zurück. Wir luden auf und mußten sogar zweimal fahren. Einer mußte am Holzhaufen Wache halten. Die Wände wurden getrocknet und vorsichtig demontiert. Daraus baute mein Vater ein Gerätehäuschen für unser Grabeland an der Märchenwiese. Die Hütte stank noch lange nach dem Pleißewasser, hat aber, bis die Bagger kamen und Platz für die Straße und die Straßenbahngleise der Linie 16 machten, gehalten. Heute ist ja zum Glück der Fluß schon wieder schön sauber, und ich freue mich, daß er wieder ans Tageslicht geholt wird.



EINE WELT FÜR SICH
Arno Hoyer

Damals wohnten wir in der Braustraße. Als Kinder sind wir in der Pleiße baden gegangen, dort, wo die alte Realschule war. Es ging bis vor an die Dufourstraße. Fischer brachten von auswärtigen Seen große Holzbottiche oder Behälter mit Fischen, die unten in der Pleiße frischgehalten und bei Bedarf herausgeholt und verkauft wurden. Zwischen Lützow- und Mahlmannstraße war die große Fischhandlung Böse. Hier war auch eine Färberei, wo mehrfach tote Mädchen, die anscheinend schwanger waren und sich das Leben genommen hatten, gefunden wurden.
Das Germaniabad wurde vom Wasser der Pleiße gespeist. Dort befanden sich auch die Bootsstationen, an denen Paddelboote gemietet werden konnten. Im Dickicht an den Rändern der Pleiße haben wir oft Indianer oder Räuber gespielt und Hütten aus Asten und Laub gebaut. Später sind wir mit dem Paddelboot in Richtung Reichsgericht gefahren, durch niedrige Brückenbogen und Sperrvorrichtungen, die wir hochgehoben haben, bis wir an der Wächterstraße wieder herauskamen. Leider sind die Fotos, die wir mit der Agfa-Box gemacht haben, im Krieg verbrannt. Es war eine Welt für sich.



DIE GELÖSCHTE FUNKENBURG
Günther Knisse

Ich wohnte mit Mutter und Schwester in der Thomasiusstraße 1, der Kleinen Funkenburg. Es war in der Nacht vom 3. zum 4. Dezember 1943. Fliegeralarm. Wie wir auf der ersten Stufe zum Keller standen, krachte es auch schon, und wir lagen gleich im Keller. Als es eine Weile ruhig war, schauten wir nach, ob es irgendwo brennt, und es war auch so, eine Brandbombe hatte in der Dachwohnung eingeschlagen. Schnell wurde mit Wasser und Sand versucht, den Brandherd einzudämmen. Die mit Löschwasser bereitgestellten Badewannen waren bald leer, aber keiner wollte seine Habe kampflos aufgeben. So wurde eine Eimerkette zum Elstermühlgraben gebildet. Dank der Leute und des Wassers vom Mühlgraben steht das Haus heute noch.



VOM NAUNDÖRFCHEN, DEM BRÜLLENDEN ALFRED UND EINER MORDWAFFE
Johanna Kirsten

Ich bin 1920 in Leipzig geboren, im Ranstädter Steinweg 19 (heute Jahnallee). Das große Haus für achtzehn Mietfamilien gehörte Bäcker Bergmann. Es zog sich über drei Hinterhöfe bis unmittelbar zum Pleißemühlgraben hin. Damals stand die alte Feuerwache noch, die unser direktes Gegenüber war. Oft konnte man die Übungen der Mannschaften verfolgen. An den Brüstungen eines Holzturms hingen immer Schläuche zum Trocknen. Rechts neben unserem Haus setzte sich die Front an der Pleiße mit anderen kleinen Häusern und Höfen fort, die vom Naundörfchen aus zu erreichen waren. Das Haus Naundörfchen 7 war wohl das älteste. Ein Pfahlbau! Die Pfähle standen etwa zwei Meter von der Hauswand entfernt im Wasser, darüber baute sich ein Fachwerkbau auf. Wir Kinder betrachteten es als "alte Bude", was uns aber nicht davon abhielt, in dem verwinkelten Hof Verstecken zu spielen. Heute würde ich Haus und Hof mit den weinberankten Wänden als Juwel ansehen.



FISCHMIEF AM AMTSHOF
Heinz Haferkorn

Ich bin Jahrgang 1921 und wuchs in der Reichelstraße 6 auf. Durch freundschaftliche Beziehung meiner Eltern zur Familie Lindner, wohnhaft am Alten Amtshof 1 oder 3, zu der die zwei Kinder Martel und Herbert gehörten, hatte ich ständig Kontakt mit dieser Gegend unmittelbar am Pleißemühlgraben. Die Häuser des Alten Amtshofs waren völlig abgewirtschaftete Bauten aus dem 19. Jahrhundert oder älter. Die Grundmauern des Wohnhauses meiner Freunde bildeten zugleich die Ufermauern des Pleißemühlgrabens. Zu ebener Erde befand sich eine Fischhandlung (ich glaube Fisch-Müller). Zur Aufbewahrung ihres Fischbestands bis zur Verarbeitung waren von der Firma im Flußbett unmittelbar an der Außenwand große Drahtgitter-Behältnisse angebracht, die direkt vom Haus aus erreichbar waren. Der ständige Fischgeruch im Haus war sehr lästig, vor allem im Sommer, und ein weiteres Übel für die ohnehin dürftigen Wohn- und Lebensbedingungen der befreundeten Familie.
In den 20er Jahren gehörten für uns Kinder sonntägliche Wanderungen durch den Johannapark zur Wundtstraße entlang dem Pleißemühlgraben bis zu den Sportanlagen des Arbeitersportvereins "Fichte Leipzig-Süd" zu den besonderen Vergnügungen, vor allem wegen der dort gelegentlich stattfindenden Kinder- und Sommerfeste des Sportvereins, des Konsum-Vereins Leipzig und anderer Organisationen. Als die Eltern einmal die paar Groschen aufbringen konnten und uns zu einer Stechkahnpartie auf der Pleiße mitnahmen, wurde die romantische Fahrt entlang dichtbewachsenen Ufern mit weit überhängenden Bäumen und Büschen ein unvergessenes Erlebnis.
Im Gegensatz zum damals noch sauberen Flußwasser mußte ich später die zunehmende Verschmutzung der Leipziger Gewässer mit stinkendem Phenolschaum beobachten. Sie setzte ein mit der erheblichen Steigerung der karbochemischen Produktion im Leipziger Süden in Vorbereitung und Durchführung des zweiten Weltkriegs.
Ein weiteres Ereignis ist mir in Erinnerung: Der Besuch des Naziführers Hitler in Leipzig 1932 lockte eine Menge Neugierige an die Durchfahrtsstrecke, die auch über den Promenadenring führte. Zusammen mit meinen Freunden vom Amtshof kam ich mit meinem Bruder an diesem Tag auf dem Heimweg an der Einmündung der damaligen Weststraße in den Martin-Luther-Ring an. Plötzlich entstand auf der Schloßbrücke ein Tumult mit Handgemenge zwischen Nazi-Anhängern und Nazi-Gegnern. Dabei wurden wir Augenzeugen, wie von gewalttätigen Nazis ein Mann mitsamt seinem Fahrrad über das Brückengeländer in den Pleißemühlgraben geschleudert wurde.



AUF LEBEN UND TOD
Charlotte Bader

Etwa 1932 machten meine Eltern einen Spaziergang am Reichsgericht in Richtung Karl-Tauchnitz-Brücke. Dort lehnten einige Angler am Geländer und fischten. Meine Eltern blieben eine Weile stehen und sahen interessiert zu. Plötzlich biß einer an, und der erfolgreiche Angler zog den zappelnden Fisch in die Höhe. Mein Vater, völliger Laie auf diesem Gebiet, wunderte sich und meinte zu meiner Mutter: "Gucke mal, Emma, der lebt ja noch!" Worauf sich der Angler empört umdrehte und sagte: "Na denkste vielleicht, wir fischen tote raus?"

 

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